Lob der Septime

(Das Video ist aus Gründen, die beim Weiterlesen klar werden, nicht mehr bei YouTube verfügbar. Wer sehen möchte, um was es geht, schaue sich bitte die Kopie auf Vimeo an.)

Dieses Video sollte ursprünglich nur ein kleines Experiment mit XaoS werden. Deshalb bin ich gar nicht besonders sorgfältig vorgegangen, was sich zum Beispiel am falschen Seitenverhältnis zeigt. Als ich das Video dann nach der üblichen Wartezeit und einem Aufruf von ffmpeg zum Zusammensetzen der Bilder gesehen habe, dachte ich mir aber, dass man das nicht verstecken muss.

Die im Hintergrund laufende Musik ist natürlich der (hoffentlich) allgemein bekannte „Septimenkanon“ aus den Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach. Die Samples, die ich dafür zusammengesetzt habe, sind zugegebenermaßen „nicht ganz so gut“, und das Tempo habe ich so verlangsamt, dass der gesamte Kanon zur Dauer des Videos passt.

Bitte weiterlesen, denn das Folgende ist wichtig:

Es ist übrigens möglich, dass dieses Video demnächst wieder verschwindet, weil ich beabsichtige, meinen YouTube-Account zu löschen. Mittlerweile ist auf YouTube eine Form der Wegelagerei unter dem Banner des „geistigen Eigentums“ eingekehrt, die ich meinem Dasein nicht weiter ohne Not hinzufügen möchte. Es gibt allen Ernstes eine Rechteverwertungsklitsche, die gegenüber Google und YouTube das „geistige Eigentum“ an der Komposition von Johann Sebastian Bach (gestorben am 28. Juli 1750) einfordert und sich das Recht herausnimmt, Geld daran zu verdienen, dass Videos mit dieser mittlerweile gemeinfreien Komposition zu Gunsten dieser Rechteverwertungsklitsche mit Reklame vergällt werden.

Mir gegebener Urheberrechtshinweis aus dem YouTube-Backend

Natürlich habe ich dagegen bei YouTube Einspruch erhoben. Die im Video zu hörende „Aufführung des Werkes“ (also das Abspielenlassen von Samples durch einen Computer) ist von mir, und das Werk selbst ist nach meinem (durchaus gut und brauchbar informierten) Rechtsverständnis frei (siehe auch bei den großartigen Open Goldberg Variations). Der Versuch, unter dem Deckmantel des Rechtes am „geistigen Eigentum“ für die Leistungen eines großartigen Komponisten Alter Musik Geld durch Reklameeinblendungen zu kassieren, ist eine dermaßen bodenlose Frechheit, dass mir allein durch meine kurze Konfrontation mit diesem „Anspruch“ vor Wut schwarz vor Augen geworden ist. Hätte mir der dafür verantwortliche Mensch (im rein biologischen Sinne, in höherem Sinne ist das kein Mensch mehr) gegenüber gestanden, säße ich jetzt wegen meiner Affekttat in Untersuchungshaft.

Da mir so etwas nicht zum ersten Mal passiert ist, gehe ich mittlerweile davon aus, dass einige weniger seriöse „Unternehmer“ die nicht gerechtfertigte Inanspruchnahme „geistigen Eigentums“ gegenüber Google und YouTube als Businessmodell entdeckt haben. Sie scheinen einfach nicht existente Rechte an einem größeren Vorrat gleichermaßen populärer und eingängiger, aber dabei auch gemeinfreier Werke zu proklamieren. Google kommt diesem Geschmeiß entgegen und bietet derartigen „Rechteinhabern“ an, Werbung in die entsprechenden YouTube-Videos zu integrieren, damit dies an den Werbeeinblendungen Geld verdienen. Ohne die Spur einer eigenen Leistung. Ohne auch nur einen Schatten des Rechtes. Einfach nur wie ein Schwarm Vampire, doch im Unterschied zu den Vorlieben der Vampire werden von diesen geldgeilen Entseelungsresten sogar Tote noch ausgelutscht.

Als ich meinen Einspruch erhoben habe, durfte ich feststellen, dass dieses in meinen Augen betrügerische Businessmodell gute Chancen hat, lange unbemerkt zu laufen und in seiner Breite wohl auch viel Geld einzubringen. Die Warnungen, die mir die YouTube-Website präsentierte, als ich die Behauptung eines „geistigen Eigentums“ an den Kompositionen (und nicht etwa an Aufführungen der Werke) Johann Sebastian Bachs in einer kurzen Stellungnahme zurückwies, waren einschüchternd formuliert und kündigten unter anderem die Löschung meines YouTube-Kontos an, sollte der hier von halbseidenen Gestalten behauptete Anspruch entgegen meinem Einspruche dennoch bestehen. Viele Menschen, die ihr Google-Konto für alle möglichen persönlichen oder gar geschäftlichen Aktivitäten von Mail über Terminplanung verwenden, werden angesichts einer solchen Aussicht wohl sehr zurückhaltend sein und lieber die Kröte einiger Werbebanner im Video schlucken — denn zumindest im Kontext „Google Plus“ hat sich gezeigt, dass eine Account-Löschung mit einer vollständigen Löschung des Google-Kontos verbunden ist. Die breite gesellschaftliche Diskussion um das „geistige Eigentum“ im Internet, die mit erschreckend wenig juristischer Aufklärung, aber stattdesssen groß angelegten und allmedial dargebotenen Kriminalisierungskampagnen auf die Nutzung natürlicher technischer Möglichkeiten reagiert, wird die Mehrzahl der YouTube-Nutzer zusätzlich verunsichert haben. Dies gilt insbesondere in solchen Fällen, in denen kein eigenes Werk verwendet wurde, sondern eine Bearbeitung eines gemeinfreien klassischen Werkes.

Ich persönlich schätze den Anteil der Menschen, der sicher weiß, was „einfach so“ gestattet ist und was lizenzpflichtig wäre, auf weniger als ein Prozent ein — der Rest der Internetnutzer in der BRD lebt nach meiner Einschätzung mit einer dumpfen, diffusen Angst bei jedem kleinen, eigenen Schritt im Netze, die von der Contentindustrie zu gern geschürt wird. Nichts kann Inhaltevermarktern so wenig schmecken wie kostenlose Angebote von Inhalten…

Dass Google in der Darreichungsform „YouTube“ das hier kurz beschriebene und in meinen Augen betrügerische Businessmodell mit der unwahren Behauptung eines „geistigen Eigentumes“ fördert und mit seiner „Rechte“-Technokratie zu einem Geldquell für fragwürdige Gestalten macht, finde ich ekelerregend. Der weiter oben dargebotene Screenshot mit der Deklaration des Anspruches zeigt relativ deutlich, dass hier keine besondere Mühe verwendet wird — für das mutmaßlich nicht übers Clipboard bewegte Wort „musikkomposition“ war sogar der eine Druck auf die Shift-Taste für den großen Anfangsbuchstaben zu viel der Mühe. Eine Plausibilitätsprüfung von Seiten Googles scheint nicht stattzufinden, denn sonst hätte auffallen müssen, dass die Kompositionen Johann Sebastian Bachs (im Gegensatz etwa zu ihrem Notensatz oder ihren Aufführungen) frei von den hier behaupteten Rechten sind.

Aus Nutzersicht ist die Umwandlung derartiger gegenüber Google und YouTube behaupteter Ansprüche in Geld übrigens bemerkenswert automatisch. Es wäre mir niemals aufgefallen, wenn es im Video nicht fünf Minuten nach seinem Upload ein Werbebanner gegeben hätte, das ich ausgesprochen störend fand. Nicht ganz so automatisch war der von mir erhobene Widerspruch, der mich zusammen mit dem Lesen der Erläuterungstexte, dem Verfassen meiner persönlichen Stellungnahme und dem zweimaligen Wegklicken einer recht scharf formulierten Warnung, dass YouTube mich nicht mehr mag, wenn ich jetzt zu Unrecht Widerspruch einlege, beinahe eine ganze Stunde meiner Lebenszeit gekostet hat. Auch hier können die ziemlich lichtscheuen Gestalten, die dieses „Business“ mit aktiver Unterstützung durch Google und YouTube betreiben getrost davon ausgehen, dass es etlichen Menschen einfach zu viel Mühe sein wird, sich damit auseinanderzusetzen.

In einem solchen Umfeld habe ich ganz schlicht keine Lust mehr, weiterzumachen.

Deshalb ist es möglich, dass das Video in den nächsten Tagen verschwindet. Wer es sich bewahren will, möge bitte eines der beliebten Tools oder Browserplugins zum Downloaden verwenden.

Nachtrag

Unfassbarerweise hält YouTube den hier dokumentierten Einspruch für unbegründet.

Tschüss, YouTube — ich habe das Video gelöscht. Es war das letzte Mal, dass ich einen Fraktalzoom bei YouTube gehostet, verlinkt oder eingebettet habe. (Ja, ich weiß, das bringt Google so richtig zum Zittern… aber was soll ich sonst machen? Mich bücken und kriminelle Unverschämtheiten hinnehmen, nur weil Tante Google ihr großer, mächtiger Gehilfe ist?)

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